Wie neu beginnen?

Auch wenn meine Bibelkunde-Prüfung während meines Studiums schon ein paar Jahrzehnte zurückliegt, ist doch eine Menge hängengeblieben. Vielleicht nicht verwunderlich, weil ich als Pfarrer ja immer wieder mit unserer Bibel zu tun habe. Fast täglich gehört es zu meinen Aufgaben, die zum Teil über 3.000 Jahre alten Glaubenszeugnisse für uns heute aufzuschließen. Denn die Glaubenserfahrungen, die sich in diesen Texten widerspiegeln, können auch Weg weisend, stärkend und tröstend in unsere Zeit hineinstrahlen.

Aber eines der Bücher der Bibel, das ich seit meiner Bibelkundeprüfung nicht mehr bewusst wahrgenommen habe, ist das Buch „Nehemia“ im Alten Testament. Darin geht es um den Wiederaufbau der Jerusalemer Stadtmauer und des Tempels. Das Buch beinhaltet endlose Listen von Namen und wer an welcher Stelle was gemacht hat; es geht um Schuldenerlass, Verpflichtungen und Einweihung der fertiggestellten Bauwerke. Interessant für Menschen mit Geschichtsinteresse. Aber für uns heute?

Auf der Landessynode der Evangelischen Kirche von Westfalen in dieser Woche hat Präses Annette Kurschus ihren mündlichen Bericht nun aber genau an diesem Nehemia-Buch aufgehängt. Ihr Fokus lag dabei auf dem ersten Kapitel: Nehemia beginnt nicht einfach damit, das zu tun, was er für das Richtige und Notwendige hält, sondern er beginnt mit einem Gebet. Er hält das, was ihm vor Augen steht, vor Gott. Nehemia verrennt sich nicht in einen kopflosen Aktionismus, sondern sieht die Aufgaben und bittet um das leitende und helfende Dabeisein Gottes. Und damit besteht für ihn immer auch die Möglichkeit der Korrektur, wenn Gottes Plan ein anderer sein sollte als der eigene.

Wir stehen – wie Nehemia – an einem Wendepunkt. Wir sehen vieles, was wir im momentanen Abklingen der Pandemie gerne wieder beginnen, was wir auch verändern möchten. Ich bin mir sicher, dass es uns guttun wird, alles vor Gott auszubreiten. So bekommen wir nicht nur unsere eigenen Interessen in den Blick, sondern beziehen den in einen „Neuanfang“ ein, der den größeren Weitblick hat – unseren Gott.

Martin Luther hat einmal gesagt: „Ich habe heute viel zu tun – ich muss viel beten!“ Wahrlich ein hilfreicher Gedanke zur Orientierung. Und das Nehemia-Buch werde ich an diesem Wochenende auf jeden Fall lesen!

      Ihr Joachim Zierke